Recht auf Individualdistanz

Recht auf Individualdistanz
Fremde Nase im Popo
Hunde brauchen Sozialkontakte mit Artgenossen, aber doch bitte möglichst ohne Leine.
An der Leine ist eine uneingeschränkte Kommunikation oftmals nicht möglich und dadurch entstehen oftmals Missverständnisse bei den Hunden.
Die Individualdistanz ist ein wichtiges Thema für Mensch und Hund.
Manche Hundehalter sind von der Distanzlosigkeit genervt, andere wissen es vielleicht nicht besser….
Hier nur zwei von vielen Beispielen:
Einer der in diesem Jahr eher seltenen sonnigen und warmen Augusttage weckte meine Freude, in einem Straßencafe zu verweilen.
Ich bestellte mir einen Milchkaffee und gab meinem Hund Benji das Kommando es sich bequem im „Platz“ zu machen. Benji lag entspannt neben mir und schaute sich um.
Schon von weitem konnte ich einen Mann mit einem kleinen Hund beobachten. Der Hund lief brav vorweg und die Flexleine erlaubte es ihm, überall zu schnüffeln wo es ihm beliebte.
Hund und Halter wirkten auf mich eher etwas distanzlos, und schon von weitem hörte man das Knurren eines verärgerten Hundes, der brav unter einem Tisch lag und von dem Kleinen scheinbar einfach angesprungen wurde.
Da ich genau solch eine Situation vermeiden wollte, gab ich Benji das Kommando, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken und sich nah bei mir abzulegen. Genau in diesem Moment näherte sich der Kleinhund. Herrchen ließ brav die Flexleine mit dem Kommentar ausfahren, „man muss ja mal Hallo sagen…..“ und schon stieß der kleine Hund völlig distanzlos meinem Benji seine Nase in den Popo und wollte ihm auf den Rücken springen.
Benji hätte gerne Knurren dürfen, aber er schaute mich nur fragend an und ich schüttelte nur den Kopf. In Gedanken stellte ich mir vor, wie der Hundebesitzer wohl reagieren würde, wenn ich ihm meine Nase in die Achsel bohren…… – ob er mir wohl ganz freudig begegnen würde, oder mich aus Reflex abwehren würde……. ?!?
Schließlich würde ich ja in seine „Intimzone“ eindringen (von Irenäus Eibl-Eibesfeldt geprägter Begriff).

Ist es nicht komisch, Kinder werden meistens sehr sozial erzogen, dass sie niemanden Fremden zu nah auf die Pelle rücken. Passiert es doch einmal, dass Kinder eher distanzlos auf andere Kinder zugehen, wird oft geschubst und dies abgewehrt. Kinder mögen es nicht, wenn man ihnen zu nah kommt. Eltern klären ihre Kinder auf.
Kinder mögen es nicht.
Wir Erwachsene mögen es ebenfalls nicht.
Oder wie fühlen Sie sich, wenn in der Warteschlange an der Kasse jemand Fremdes so nah aufrückt, dass Sie beinah seinen Atem am Ohr spüren. Automatisch fühlt man sich unwohl und ist genervt über diese Distanzlosigkeit und das Eindringen in Ihre Intimzone.

Warum aber meinen so viele Hundehalter, dass es unsere Hunde mögen ?!?
Auch unsere Hunde mögen diese Distanzlosigkeit nicht, außer sie haben von sich aus das Bedürfnis einander freudig zu begrüßen.
Schlimm finde ich diese „Zwangsbegrüßungen“ an der Leine, bei denen oftmals nicht klar ist, ob beide Hunde diesen Kontakt überhaupt wollen. Außerdem hängt dieser „Sicherheitsabstand“ zu Artgenossen auch von verschiedenen Faktoren ab, z.B. rassespezifische Eigenschaften, Erfahrungen, Sozialisierung, Lust und Laune, etc.

Jeder Hund ist jederzeit in der Lage, seine Grenzen ganz klar und deutlich zu zeigen und zu setzen. Seine Individualdistanz (Sicherheitsabstand) ist ihm sehr wichtig. Wenn jemand diese Grenze unerlaubt überschreitet, kann ein Hund mit seiner klaren Kommunikation durchaus auch einmal seine Zähne zeigen oder diese auch einsetzen (auch wenn man es von einem Hund nicht vermuten würde).“ (Weisheiten der Schnüffelnasen, 2011).

Jeder Hund hat ein Recht darauf, dass seine Individualdistanz gewahrt wird.
Mir war es schon immer wichtig, dass meine Hunde bei anderen an der Leine geführten Hunden die Individualdistanz nicht überschreiten. Wenn uns einmal ein distanzloser Mensch mit einem distanzlosen Hund an der Leine begegnete, war es nie wirklich ein Drama.
Dramatisch wurde es erst 2008 als ich erfahren musste, wie schlimm es für einen Angst- und Panikhund ist, wenn man einem rücksichtslosen Hundehalter begegnet. Obwohl ich mit meinem Angst- und Panikhund, der extremste Ängste vor anderen Hunden hatte, immer signalisierte, dass wir etwas mehr Abstand brauchten, erlebte ich die merkwürdigsten Verhaltensweisen. Dies ging von Belehrungen, dass die Hunde es schon selber regeln; den Hinweis, meinen Hund doch auch einfach abzuleinen bis hin zu Beschimpfungen, dass mein Hund wohl etwas Besseres sei und nicht spielen dürfe.

Selbst als mein Angsthund zuerst ein Halsband trug und später eine Kenndecke mit dem Schriftzug „Angsthund bitte Abstand halten“ wurde wenig Rücksicht auf die Individualdistanz genommen. Dabei ist es gerade für einen Angsthund, oder einen Hund, der eine schlechte Erfahrung mit Artgenossen gemacht hat, ein sehr wichtiges Bedürfnis, seine „Schutzzone“ in Anspruch zu nehmen.

Genauso unverständlich ist es für mich, wie man seinen freilaufenden Hund in vollem Tempo auf einen Führhund im Führgeschirr laufen lässt. Und wie ich schon beobachten konnte, dann noch grinst, wenn der freilaufende Hund den Führhund besteigen möchte.
Aber scheinbar ist es für so manchen Hundehalter nicht so klar, dass es ein selbstverständliches Verhalten sein sollte, die Individualdistanz von fremden Menschen und Hunden einzuhalten und zu akzeptieren.
Vielleicht sollte bei der Ausbildung bzw. Prüfung zum Hundeführerschein auch gelehrt werden, wie man einen Hund an der Leine führt und wie wichtig die Individualdistanz ist – und wie man sie einhält, um so auch Stress beim Hund zu vermeiden.

Mit freundlicher Genehmigung von Sabine Pilguj